茨威格(Stefan Zweig)痛彻人心的作品…Die Gouvernante(家庭女教师)…

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PS:为了更好的反映茨威格作品的原貌,本文基本没有采用新正字法,绝对不影响阅读,请放心欣赏.

Die Gouvernante

Die beiden Kinder sind nun allein in ihrem Zimmer.Das Licht ist aus.Es ist dunkel.Nur die Betten glänzen weiß.Ganz leise atmen die beiden,man könnte glauben,sie schliefen.”Du?”,sagt da eine Stimme.Es ist die Zwölfjährige,die leise,fast ängstlich,in das Dunkel hineinfragt.”Was ist’s?”,antwortet vom anderen Bett die Schwester.Ein Jahr nur ist sie älter.

“Du bist noch wach.Das ist gut.Ich…ich möchte dir gern etwas erzählen…”


Keine Antwort kommt von drüben.Nur ein Geräusch vom anderen Bett.Die Schwester hat sich aufgesetzt,erwartend blickt sie herüber,man kann ihre Augen leuchten sehen.

“Weißt du…ich wollte dir sagen…Aber sag du mir zuerst:Hast du nicht bemerkt,daß unser Fräulein in den letzten Tagen anders ist als sonst?”

Die andere denkt nach.”Ja”,sagt sie dann,”aber ich weiß nicht recht,wie.Sie ist nicht mehr so streng.Vor kurzem habe ich zwei Tage keine Aufgaben gemacht,und sie hat mir gar nichts gesagt.Und dann ist sie so,ich weiß nicht wie.Ich glaube,sie beschäftigt sich gar nicht mehr mit uns,sie setzt sich immer weit weg von uns und spielt nicht mit,so wie früher.”

“Ich glaube,sie ist sehr traurig und will es nur nicht zeigen.Sie spielt auch nie mehr Klavier.”

Das Schweigen kommt wieder.

Da erinnert sich die Ältere:”Du wolltest etwas erzählen.”

“Ja,aber du darfst es niemandem sagen,der Mama nicht und nicht deiner Freundin.”

“Nein,nein!”Sie kann es kaum erwarten.”Was ist also?”

“Also…jetzt,wie wir schlafen gegangen sind,habe ich plötzlich daran gedacht,daß ich dem Fräulein nicht”Gute Nacht!”gesagt habe.Die Schuhe hab ich schon ausgezogen gehabt,aber ich bin doch hinüber in ihr Zimmer gegangen,weißt du,ganz leise,um ihr unerwartet eine Freude zu bereiten.Ganz vorsichtig mach ich also die Tür auf.Zuerst hab ich geglaubt,sie ist nicht im Zinnner.Das Licht hat gebrannt,aber ich hab sie nicht gesehen.Da plötzlich – ich bin furchtbar erschrocken- hör ich jemand weinen und seh auf einmal,daß sie ganz angezogen auf dem Bert liegt,den Kopf in den Kissen.Geweint hat sie,daß ich erschrocken bin.Aber sie hat mich nicht bemerkt.Und da hab ich die Tür ganz leise wieder zugemacht.Einen Augenblick hab ich stehen bleiben müssen,so hab ich gezittert.Da kam es noch einmal ganz deutlich durch die Tür,dieses Weinen,und ich bin rasch heruntergelaufen.”

Sie schweigen beide.Dann sagt die eine ganz leise:”Das arme Fräulein!”Das Wort zittert hin ins Zimmer wie ein verlorener dunkler Ton und wird wieder still.

“Ich möchte wissen,warum sie geweint hat”, fängt die Jüngere an.”Sie hat doch mit niemandem Streit gehabt in den letzten Tagen,Mama läβt sie doch auch in Ruhe,und wir haben ihr doch gewiβ nichts getan.Warum ist sie dann so?”

“Ich kann es mir schon denken”,sagt die Ältere.

“Warum,sag mir,warum?”

Die Schwester macht eine Pause.Endlich sagt sie:”ich glaube,sie ist verliebt.”

“Verliebt?”Die Jüngere zuckt auf.”Verliebt?In wen?”

“Hast du gar nichts bemerkt?”

“Doch nicht in Otto?”

“Nicht?Und er nicht in sie?Warum hat er denn,der jetzt schon drei Jahre bei uns wohnt und studiert,uns nie begleitet und jetzt seit den paar Monaten auf eimnal jeden Tag?War er je nett zu mir oder zu dir,bevor das Fräulein zu uns kam?Den ganzen Tag ist er jetzt um uns herum gewesen.Immer haben wir ihn zufällig getroffen,zufällig,im Volksgarten oder Stadtpark oder Prater,wo immer wir mit dem Fräulein waren.Hast du denn das nie bemerkt?”

Ganz erschreckt stammelte die Kleine:

“Ja…ja,natürlich hab ich’s bemerkt.Ich hah nur immer gedacht,es ist…”

Die Stimme schlägt ihr urn.Sie spricht nicht weiter.

“Ich habe es auch zuerst geglaubt,wir Mädchen sind ja immer so durrm.Aber ich babe noch rechtzeitig bemerkt,daß er uns nur als Grund angibt,um sich mit dem Fräulein zu treffen.”Jetzt schweigen beide.Das Gespräch scheint zu Ende.

Beide sind in Gedanken oder schon in Träumen.Da sagt noch einmal die Kleine ganz hilflos aus dem Dunkel:

“Aber warum weint sie dann wieder?Er hat sie doch gern.Und ich hab mir immer gedacht,es muβ sehr schön sein,wenn man verliebt ist.””Ich weiß nicht”,sagt die Ältere ganz träumerisch,”ich babe auch geglaubt,es muβ sehr schön sein.”

Und einmal noch,leise und mitleidvoll,von schon schlafmüden Lippen kommt es herüber:”Das arme Fräulein!”

Und dann wird es wieder still im Zimmer.

Am nächsten Morgen reden sie nicht wieder davon,und doch,eine fühlt es von der anderen,daß ihre Gedanken mit demselben beschäftigt sind.Sie gehen aneinander vorbei,aber ohne es zu wollen treffen sich ihre Blicke,wenn sie beide von der Seite her die Gouvernante ansehen.Bei Tisch beobachten sie Otto,den Vetter,der seit Jahren im Haus lebt,wie einen Fremden.Sie reden nicht mit ihm,aber sie beobachten ihn genau,ob er dem Fräulein ein Zeichen gebe.Eine Unruhe ist in beiden.Nach dem Essen spielen sie nicht,sondern tun in ihrer Nervosität,um hinter das Geheimnis zu kommen,sinnlose und belanglose Dinge.Abends fragt bloß die eine,kühl,als ob es ihr gleichgültig sei:”Hast du wieder etwas bemerkt?””Nein”,sagt die Schwester und wendet sich ab.Beide haben irgendwie Angst vor eincm Gespräch.Und so geht es ein paar Tage weiter,dieses stumme Beobachten und Herumsehen der beiden Kinder,die,unruhig und ohne es zu wissen,sich einem Geheimnis nahe fühlen.

Endlich,nach tin paar Tagen,merkt die eine,wie bei Tisch die Gouvernante Otto leise mit den Augen zuzwinkert.Er nickt mit dem Kopf Antwort.Das Kind zittert vor Unruhe.Unter dem Tisch tastet sie leise an die Hand der älteren Schwester.Als die sich ihr zuwendet,gibt sie ihr mit den Augen ein Zeichen.Die versteht sofort,was damit gemeint ist und wird auch unruhig.

Kaum daß sie nach dem Essen aufstehen,sagt die Gouvernante zu dem Mädchen:”Geht in euer Zimmer und beschäftigt euch ein bißchen.Ich habe Kopfschmerzen und will für eine halbe Stunde ausruhen.”

Die Kinder sehen zu Boden.Vorsichtig berühren sie sich mit den Händen,wie um sich gegenseitig aufmerksam zu machen.Und kaum ist die Gouvernante fort,so springt die Kleinere auf die Schwester zu;”Paβ auf,jetzt geht Otto in ihr Zimmer.”

“Natürlich!Darum hat sie uns doch weggeschickt!”

“Wir müssen vor der Tür horchen!”

“Aber wenn jemand kommt?”

“Wer denn?”

“Mama.”

Die Kleine erschrickt.”Ja, dann…”

“Weißt du was?Ich horche an der Tür,und du bleibst draußen im Gang und gibst mir ein Zeichen,wenn jemand kommt.So sind wir sicher.”

Die Kleine macht ein ärgerliches Gesicht.

“Aber du erzählst mir dann nichts!”

“Alles!”

“Wirklich alles…aber alles!”

“Ja,mein Wort darauf.Und du hustest,wenn du jemanden kommen hörst.”

Sie warten im Gang,zittemd,nervös.Ihr Herz schlägt wild.Was wird kommen?Eng drücken sie sich aneinander.

Ein Schritt.Schnell verstecken sie sich im Dunkeln.Richtig:es ist Otto.Er faβt die Klinke,die Tür schließt sich.Wie ein Pfeil schießt die Ältere nach und drückt sich an die Tür und horcht,ohne Atem zu holen.Die Jüngere sieht voller Erwartung zu.Die Neugierde verbrennt sie,es reißt sie von ihrem Platz.Leise kommt sie näher,aber die Schwester stößt sie verärgert weg.So wartet sie wieder draußen,zwei,drei Minuten,die ihr unendlich lang scheinen.Sie ist fast dem Weinen nahe vor Ungeduld und Zorn,daß die Schwester alles hört und sie nichts.Da fällt im dritten Zimmer eine Türn zu.Sie hustet.Und beide stürzen weg,hinein in ihren Raum.Dort stehen sie einen Augenblick atemlos,mit klopfendem Herzen.

Dann drängt die Jüngere neugierig:”Also… erzähle mir.”

Die Ältere macht ein nachdenkliches Gesicht.Dann sagt sie wie zu sich selbst:”Ich verstehe es nicht!”

“Was?”

“Es ist so merkwürdig.”

“Was … was …”, die Jüngere keucht die Worte nur so heraus.Nun versucht die Schwester sich zu erinnern.Die Kleine hat sich an sie gedrückt,ganz nah,damit ihr kein Wort entgehen könne.

“Es war ganz merkwürdig…so ganz anders,als ich es mir dachte.Ich glaube,als er ins Zimmer kam,hat er sie umarmen wollen oder küssen,denn sie hat zu ihm gesagt:‘Laβ das,ich babe mit dir etwas Ernstes zu besprechen.’Sehen habe ich nichts können,der Schlüssel hat von innen gesteckt,aber ganz genau gehört babe ich.‘Was ist denn los?’,hat der Otto darauf gesagt,doch habe ich ihn nie so reden hören.Du weißt doch,er spricht sonst gern so laut und ungeniert,das hat er aber so vorsichtig gesagt,daß ich gleich gemerkt babe,er hat irgendwie Angst.Und auch sie muβ gemerkt haben,daß er lügt,denn sie hat nur ganz leise gesagt:‘Du weißt es ja schon.’- ‘Nein,ich weiß gar nichts’-So,hat sie da gesagt- und so traurig,so furchtbar traurig‘und warum ziehst du dich denn auf einmal von mir zurück?Seit acht Tagen hast du kein Wort mit mir geredet,du gehst mir aus dem Weg,wo du nur kannst,mit den Kindern gehst du nicht mehr spazieren,kommst nicht mehr in den Park.Bin ich dir auf einmal so fremd?Oh,du weißt schon,warum du dich auf einmal fern hältst.’Er hat geschwiegen und dann gesagt:‘Ich stehe jetzt vor der Prüfung,ich habe viel zu arbeiten und für nichts anderes mehr Zeit.Es geht jetzt nicht mehr anders.’Da hat sie zu weinen angefangen und gesagt,unter Tränen,aber so mild und gut:‘Otto,warum lügst du denn?Sag doch die Wahrheit,das habe ich wirklich nicht verdient.Ich habe ja nichts verlangt,aber geredet muβ doch darüber werden zwischen uns zweien.Du weißt es ja,was ich dir zu sagen habe,an den Augen sehe ich dir’s an.’ – ‘Was denn?’,hat er gestammelt,aber ganz,ganz schwach.Und da sagt sie…”

Das Mädchen fängt plötzlich zu zittern an und kann nicht weiterreden vor Aufregung.Die Jüngere drückt sich enger an

sie.”Was … was denn?”

“Da sagt sie:‘Ich habe doch ein Kind von dir! ’”Wie ein Blitz fährt die Kleine auf:”Ein Kind!Ein Kind!Das ist doch unmöglich!”

“Aber sie hat es gesagt.”

“Du muβt schlecht gehört haben.”

“Nein,nein!Und er hat es wiederholt;genau so wie du ist er aufgefahren und hat gerufen:‘Ein Kind!’Sie hat lange geschwiegen und dann gesagt:‘Was soll jetzt geschehen?’Und dann …”

“Und dann?”

“Dann hast du gehustet,und ich hab weglaufen müssen.”

Die Jüngere starrt ganz verschreckt vor sich hin.”Ein Kind!Das ist doch unmöglich.Wo sollte sie denn das Kind haben?”

“Ich weiß nicht.Das ist es ja,was ich nicht verstehe.”

“Vielleicht zu Hause,wo … bevor sie zu uns herkam.Mama hat ihr natürlich nicht erlaubt,es mitzubringen,wegen uns.Darum ist sie auch so traurig.”

“Ach was,danmls hat sie Otto noch gar nicht gekannt!”

Sie schweigen wieder,ratlos,nachdenkend.Der Gedanke quält sie.Und wieder fängt die Kleinere an:”Ein Kind,das ist ganz unmöglich!Wieso kann sie ein Kind haben? Sie ist doch nicht verheiratet,und nur verheiratete Leute haben Kinder,das weiß ich.”

“Vielleieht war sie verheiratet.”

“Aber sei nicht so dunm.Doch nicht mit Otto.”

“Aber wieso…?”

Ratlos starren sie sich an.

“Das arme Fräulein”,sagt die eine ganz traurig.Es kommt immer wieder,dieses Wort in einem Ton des Mitleids.Und immer wieder die Neugier dazwischen.

“Ob es ein Mädchen oder ein Junge ist?”

“Wer kann das wissen?”

“Was glaubst du,wenn ich einmal fragen würde … ganz,ganz vorsichtig …”

“Du bist verrückt!”

“Warum … sie ist doch so gut zu uns.”

“Aber was fällt dir ein!Uns sagt man solche Sachen nicht.Uns verschweigt man alles.Wenn wir ins Zimmer kommen,hören sie immer auf zu sprechen und reden dummes Zeug mit uns,als ob wir Kinder wären,und ich bin doch

schon dreizehn Jahre.Wozu willst du sie fragen,uns sagt man ja doch nur Lügen.”

“Aber ich hätte es so gem gewuβt.”

“Glaubst du,ich nicht?”

“Weißt du…was ich eigentlich am wenigsten verstehe,ist,daß Otto nichts davon gewuβt haben soll.Man weiß doch,daß man ein Kind hat,so wie man weiß,daß man Eltern hat.”

“Er hat sich nur verstellt,der Schuft,wie immer.”

“Aber bei so etwas doch nicht.Nur…nur…wenn er uns hinters Licht führen will…”

Da kommt das Fräulein herein.Sie sind sofort still und scheinen zu arbeiten.Aber von der Seite sehen sie zu ihr hin.Ihre Augen sind rot,ihre Stimme ist tiefer und ernster als sonst.Die Kinder sind ganz still,mit Scheu sehen sie plötzlich zu ihr auf.”Sie hat ein Kind”,müssen sie immer wieder denken,”darum ist sie so traurig.”Und langsam werden siees selbst.

Am nächsten Tag,bei Tisch,erwartet sie eine plötzliche Nachricht.Otto verläβt das Haus.Er hat dem Onkel erklärt,er stände jetzt kurz vor der Prüfung,müsse intensiv arbeiten,und hier sei er zu sehr gestört.Er würde sich irgendwo ein Zimmer nehmen für diese ein,zwei Monate,bis alles vorüber sei.

Die belden Kinder sind unruhig,als sie es hören.Sie fühlen,daß dies in irgendeinem verborgenen Zusammenhang steht mit dem Gespräch von gestem,fühlen mit ihrem geschärften Instinkt eine Feigheit,eine Flucht.Als Otto ihnen auf Wiedersehen sagen will,sind sie grob und wenden ihm den Rücken zu.Aber sie beobaehten ihn,als er jetzt vor dem

Fräulein steht.Sie bewegt die Lippen,aber sie reicht ihm ruhig,ohne ein Wort,die Hand.

Ganz anders sind die Kinder geworden in diesen paar Tagen.Sie haben ihre Spiele verloren und ihr Lachen,die Augen sind ohne munteren Schein.Eine Uuruhe und Ungewissenheit ist in ihnen,ein wildes Miβtrauen gegen alle Menschen um sie herum.Sie glauben nicht mehr,was man ihnen sagt,sehen Lüge und Absicht hinter jedem Wort.Sie blicken und spähen den ganzen Tag,jede Bewegung beobachten sie,alles fangen sie auf.Wie Schatten sind sie hinter allem her,vor den Türen horchen sie,um etwas herauszubekommen.Sie wollen das dunkle Netz dieser Geheimnisse abschütteln von ihren Schultern,um einen Blick zu tun in die Welt der Wirklichkeit.Der kindliche Glaube,diese heitere sorglose Blindheit,ist von ihnen abgefallen.Seit sie wissen,daß Lüge um sie ist,haben sie sich verändert,Ihr ganzes Wesen ist aufgelöst in eine nervöse Unruhe.Anscheinend ohne Ursache ist ihr Leben mit einem Mal eine Krise geworden.

Ganz still,ohne Wort haben sie sich verpflichtet,dem Fräulein,das so traurig ist,möglichst viel Freude zu machen.Sie machen ihre Aufgaben fleißig und ordentlich,helfen einander,sie sind still,springen jedem Wunsch voraus.Aber das Fräulein merkt es gar nicht,und das tut ihnen so weh.Ganz anders ist sie geworden in der letzten Zeit.Manchmal,wenn eines der Mädchen sie anspricht,zuckt sie zusammen wie aus dem Schlaf geschreckt.Und Ihr Blick kommt dann immer erst suchend aus einer weiten Ferne zurück.Stundenlang sitzt sie oft da und sieht träumerisch vor sich hin.Dann gehen die Mädchen sehr leise umher,um sie nicht zu stören,sie fühlen dunkel und geheimnisvoll:Jetzt denkt sie an ihr Kind,das irgendwo in der Ferne ist.Und immer mehr,aus den Tiefen ihrer nun erwachenden Weiblichkeit,lieben sie das Fräulein.

Und einmal,als sich das Fräulein zum Fenster hin abgewendet hat und mit dem Taschentuch über die Augen fährt,faβt die Kleine plötzlich Mut,ergreift leise ihre Hand und sagt:”Fräulein,Sie sind so traurig in der letzten Zeit.Nicht wahr,wir sind doch nicht schuld daran?”

Das Fräulein schaut sie an und fährt ihr mit der Hand über das weiche Haar.”Nein,Kinder,nein”,sagt sie.”Ihr gewiß nicht.”Und küßt sie zart auf die Stirn.

Beobachtend,auf alles achtend,was sich um sie herum tut,hat eine in diesen Tagen,als sie plötzlich ins Zimmer trat,ein Wort aufgefangen.Gerade ein Satz war es nur,denn die Eltern haben sofort aufgehört zu sprechen,aber jedes Wort gibt ihnen jetzt Ursache zu tausend Vermutungen.”Ich habe auch schon etwas bemerkt”,hat die Mutter gesagt.”Ich werde einmal ernsthaft mit ihr reden.”

Das Kind hat zuerst gedacht,es sei selbst damit gemeint und ist,fast ängstlich,zur Schwester gelaufen,um Rat, um Hilfe.Aber mittags merken sie,wie die Blicke ihrer Eltern prüfend auf dem verträumten Gesicht des Fräuleins ruben.

Nach Tisch sagt die Mutter zum Fraulein:”Bitte,kommen Sie dann in mein Zimmer.Ich habe mit lhnen zu sprechen.”Das Fräulein senkt leise den Kopf.Die Mädchen zittern heftig,sie fühlen,jetzt wird etwas geschehen.

Und sofort,als das Fräulein hineingeht,stürzen sie nach.Dieses An-den-Türen-Horchen ist für sie ganz selbstverständlich geworden.Sie sehen nicht mehr das Hässliche darin,sie haben nur einen Gedanken,hinter alle Geheimnisse zu kommen,mit denen man ihnen den Blick verhängt.

Sie horchen.Aber nur leise hören sie die Stimmen.Ihr Körper zittert nervös.Sie haben Angst,sie könnten nicht alles verstehen.Da wird drinnen eine Stimme lamer.Es ist die ihrer Mutter.Böse klingt sie.

“Haben Sie geglaubt,daβ alle Leute blind sind,daβ man so etwas nicht bemerkt?Ich kann mir kaum denken,daβ Sie Ihre Arbeit tun konnten mit solchen Gedanken und solcher Moral.Und so jemandem habe ich die Erziehung meiner Kinder anvertraut,meiner Töchter …”

Das Fräulein scheint etwas zu sagen.Aber sie spricht zu leise,als daβ die Kinder sie verstehen könnten.

“Ausreden,Ausreden!Jede leichtfertige Person hat ihre Ausrede.Die gibt sich dem ersten Besten hin und denkt an nichts.Der liebe Gott wird schon weiterhelfen.Und so jemand will Erzieherin sein,Mädchen unterrichten.Unglaublich ist das.Sie meinen doch nicht,daβ ich Sie in diesem Zustand noch länger im Hause behalten werde?”

Die Kinder horchen drauβen.Es läuft ihnen eiskalt über den Rücken.Sie verstehen das alles nicht,aber es ist ihnen furchtbar,die Stimme ihrer Mutter so wütend zu hören,und jetzt als einzige Antwort das leise Weinen des Fräuleins.Aber die Mutter scheint nur noch böser zu werden.

“Das ist das Einzige,was Sie wissen,jetzt zu weinen.Das ändert meinen Entschluβ nicht.Mit solchen Personen habe ich kein Mitleid.Was aus Ihnen jetzt wird,geht mich nichts an.Sie werden ja wissen,an wen Sie sich zu wenden haben,ich frage Sie gar nicht danach.Ich weiβ nur,daβ ich jemanden,der seine Pflicht nicht kennt,nicht einen Tag länger in meinem Hause haben kann.”

Nur Weinen antwortet.Nie haben die Kinder so weinen hören.Und dunkel fühlen sie,wer so weint,kann nicht Unrecht hahen,Ihre Mutter schweigt jetzt und wartet.Dann sagt sie plötzlich:”So,das habe ich Ihnen noch sagen wollen.Packen Sie heute lhre Sachen und kommen Sie morgen früh und holen Sie Ihren Lohn.Auf Wiedersehen!”

Die Kinder springen weg von der Tür und retten sich hinein in ihr Zimmer.Was war das?Wie vom Blitz getroffen stehen sie da.Zum ersten Mal ahnen sie die Wirklichkeit.Und zum ersten Mal wagen sie etwas gegen ihre Eltern zu empfinden.

“Das war gemein von Mama,so mit ihr zu reden”,sagt die Ältere mit verbissenen Lippen.

“Aber wir wissen doch nicht,was sie getan hat”,stammelt die Kleine.

“Sicher nichts Schlechtes.Das Fräulein kann nichts Schlechtes getan haben.Mama kennt sie nicht.”

“Und dann,wie sie geweint hat.Angst hat es mir gemacht.”

“Ja,das war furchtbar.Aber wie auch Mama mit ihr geschrien hat.Das war gemein,ich sage dir,das war gemein.”

Sie tritt heftig mit dem Fuβ auf.Tränen laufen ihr übers Gesicht.Da kommt das Fräulein herein.Sie sieht sehr müde aus.

“Kinder,ich habe heute Nachmittag zu tun.Nicht wahr,ihr bleibt allein,ich kann mich auf euch verlassen?Ich sehe dann abends nach euch.”

Sie geht,ohne die Unruhe der Kinder zu merken.

“Hast du gesehen,ihre Augen waren ganz verweint.Ich verstehe nicht,daβ Mama sie so behandeln konnte.”

“Das arme Fräulein!”

Es klingt mitleidig und traurig.Verstört stehen sie da.Da kommt ihre Mutter herein und fragt,ob sie mit ihr spazieren fahren wollen.Die Kinder antworten nicht.Sie haben Angst vor Mama.Und dann ärgert es sie,daβ man ihnen nichts sagt über den Abschied des Fräuleins.Sie bleiben lieber allein,erdrückt von der Atmosphäre der Lüge und des Verschweigens.Sie denken darüber nach,ob sie nicht hinein zum Fräulein sollen und sie fragen und überreden,daβ sie bleiben solle und daβ Mama Unrecht hat.Aber sie haben Angst,ihr weh zu tun.Und dann:Alles,was sie wissen,haben sie ja erhorcht.Sie müssen sich dumm stellen,dunm,wie sie es waren bis vor zwei,drei Wochen.So bleiben sie allein,einen endloscn langen Nachmittag,nachdenkend und weinend und immer diese schreckhaften Stimmen im Ohr,den bösen,herzlosen Zorn ihrer Mutter und das Weinen des Fräuleins.

Abends sieht das Fräulein schnell zu ihnen herein und sagt ihnen Gute Nacht.Die Kinder zittern,als sie sie hinausgehen sehen,sie möchten ihr gerne noch etwas sagen.Aber jetzt,als das Fräulein schon bei der Tür ist,wendet sie sich plötzlich noch einmal um.Etwas glänzt feucht in ihren Augen.Sie umarmt beide Kinder,küβt sie und geht dann schnell hinaus.

Starr stehen die Kinder da.Sie fühlen,das war ein Abschied.

“Wir werden sie nicht mehr sehen!”,sagt die eine.“Paβ auf,wenn wir morgen von der Schule zurückkommen,ist sie nicht mehr da.”

“Vielleicht können wir sie später besuchen.Dann zeigt sie uns auch ihr Kind.”

“Ja,sie ist so gut.”

“Das arme Frgulein!”

“Kannst du dir denken,wie das jetzt werden wird ohne sie?”

“Ich werde nie ein anderes Fräulein leiden können.”

“Ich auch nicht.”

“Keine wird so gut mit uns sein.Und dann…”Sie wagt es nicht zu sagen.Aber ein unbestimmtes Gefühl läβt sie groβe Achtung vor ihr haben,seit sie wissen,daβ sie ein Kind hat.Beide denken immer daran,und jetzt schon nicht mehr mit dieser kindischen Neugier,sondem im Tiefsten ergriffen und mitleidig.

“Du”,sagt die eine,”hör zu!”

“Ja.”

“Weiβt du,ich möchte dem Fräulein noch gerne eine Freude machen,ehe sie weggeht.Damit sie weiβ, daβ wir sie gern haben und nicht so sind wir Mama.Willst du?”

“Wie kannst du noch fragen!”

“Ich habe mir gedacht,Sie hatte doch weiβe Nelken so gern,und da denke ich,weiβt du,wir könnten ihr morgen früh,ehe wir in die Schule gehen,ein paar kaufen,und die stellen wir ihr dann ins Zimmer.”

“Wann aber?”

“Zu Mittag.”

“Dann ist sie sicher schon fort.Weiβt du,da lauf ich lieber ganz früh hinunter und hole sie rasch,ohne daβ es jemand merkt.Und die bringen wir ihr dann ins Zinmmr.”

“Ja,und wir stehen ganz früh auf.”

Sie nehmen ihre Sparbüchsen und legen ihr ganzes Geld zusammen.Nun sind sie wieder froh,seit sie wissen,daβ sie dem Fräulein ihre stumme Liebe noch zeigen können.

Ganz früh stehen sie dann auf.Als sie,die schönen vollen Nelken in der leicht zitternden Hand,an die Tür des Fräuleins klopfen,antwortet ihnen niemand.Sie glauben,daβ das Fräulein schläft und gehen vorsichtig hinein.Aber das Zimmer ist leer,das Bett unberührt.Alles liegt in Unordnung herum,auf dem dunklen Tisch liegen ein paar Briefe.

Die beiden Kinder erschrecken.Was ist geschehen?

“Ich gehe hinein zu Mama”,sagt die Ältere.Und mit finsteren Augen,ganz ohne Angst stellt sie sich vor ihre Mutter und fragt:”Wo ist unser Fräulein?”

“Sie wird in ihrem Zimmer sein”,sagt die Mutter ganz verwundert.

“Ihr Zimmer ist leer,das Bett ist unberührt.Sie muβ schon gestern Abend weggegangen sein.Warum hat man uns nichts davon gesagt?”

Die Mutter merkt gar nicht den bösen Ton.Sie geht hinein zum Vater,der dann rasch im Zimmer des Fräuleins verschwindet.

Er bleibt lange weg.Das Kind beobachtet die Mutter,die sehr unruhig geworden ist,mit zornigen Blicken.

Der Vater kommt zurück.Er ist ganz weiβ im Gesicht und trägt einen Brief in der Hand.Er geht mit der Mutter hinein ins Zimmer und spricht drinnen mit ihr leise.Die Kinder stehen drauβen und wagen auf eimnal nicht mehr zu horchen.Sie haben Angst vor dem Zorn des Vaters,der jetzt aussah,wie sie ihn nie gekannt hatten.Ihre Mutter,die jetzt aus dem Zimmer tritt,hat verweinte Augen,ihr Blick ist unsicher.Die Kinder kommen ihr entgegen und wollen sie wieder fragen.Aber sie sagt hart:”Geht jetzt in die Schule,es ist schon spät.“

Und die Kinder müssen gehen.Wie im Traum sitzen sie dort vier,fünf Stunden unter all den anderen und hören kein Wort.Wild stürmen sie nach Hause zurück.

Dort ist alles wie immer,nur ein furchtbarer Gedanke scheint die Mensehen zu quälen.Keiner spricht,aber alle haben so merkwürdige Blicke.Die Mutter kommt den Kindern entgegen.Sie scheint sich vorbereitet zu haben,ihnen etwas zu sagen.Sie beginnt:”Kinder,euer Fräulein kommt nicht mehr,sie ist…”Aber sie wagt nicht zu Ende zu sprechen.So gefährlich schauen die beiden Kinder ihr in die Augen,daβ sie nicht wagt ihnen eine Lüge zu sagen.Sie wendet sich um und geht weiter,flieht in ihr Zimmer hinein.

Nachmittags kommt plötzlich Otto.Man hat ihn hergerufen,ein Brief für ihn war da. Unsicher steht er herum.Niemand redet mit ihm.Alle gehen ihm aus dem Weg.Da sieht er die beiden Kinder in der Eeke und will sie begrüβen.

“Faβ mich nicht an!”,sagt die eine,zitternd vor Ekel.Und die andere wendet ihm den Rücken zu.Er irrt noch einige Zeit herum,Dann verschwindt er.

Keiner spricht mit den Kindern.Sie selbst reden nicht miteinander.Unruhig wandern sie in den Zimmern herum und sagen kein Wort.Sie wissen jetzt alles.Sie wissen,daβ man sie belogen hat,daβ alle Menschen schlecht und gemein sein können.Sie lieben ihre Eltem nicht mehr,sie glauben nicht mehr an sie.Zu keinem,wissen sie,werden sie Vertrauen haben dürfen.Noch können sie das Furchtbare,das um sie geschehen ist,nicht fassen.Das Schweigen macht sie allen fremd und gefährlich.Niemand kommt ihnen nahe.Der Zugang zu ihrem Inneren ist verschlossen,vielleicht auf Jahre hinaus.Seit gestern sind sie keine Kinder mehr.

An diesem Nachmittag werden sie um viele Jahre älter.Und erst,als sie dann abends im Dunkel ihres Zimmers allein sind,erwacht in ihnen die Angst,eine ahnungsvolle Angst vor unbestimmten Dingen.Noch immer wagen sie nicht miteinander zu sprechen,aber sie beginnen zu weinen.Es ist nicht mehr das Fräulein,um das sie weinen,nicht die Eltern,die

nun für sie verloren sind,sondern sie haben plötzlich Angst vor alledem,was nun kommen wird aus dieser unbekannten Welt,in die sie heute den ersten erschreckten Blick getan haben.Angst haben ste vor dem Leben,das dunkel vor ihnen steht.Nach und nach wird ihr Angstgefühl undeutlicher,traumhaft fast,immer leiser ihr Weinen.Und so schlafen sie endlich ein.

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4 comments

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    [回复]

    kopykawai reply on 2008年12月27日:

    感谢你的支持,我一直用的其实是最简陋的“尚书六号”…主要是用习惯了懒得换…有时间我也试一下Abby Finereader.

    [回复]

  2. thanks, danke

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